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Russen jammern nach ukrainischen Angriffen auf Online-Händler Wildberries

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Ukrainische Drohnen setzen Lager des russischen Amazon-Pendants in Brand. Nun weinen Händlerinnen vor der Kamera – und geben allein Kiew die Schuld. Eine kommentierende Analyse.

Moskau/Kiew – In einem Video steht eine Frau vor einer riesigen Lagerhalle, aus der Flammen schlagen. 4000 Pelzmäntel, Monate im Voraus für den Winter eingekauft, brennen vor ihren Augen. „Es ist nicht nur ein Lager, das brennt“, sagt Tatjana Michailowa auf Instagram. „Es ist die Zeit, die du investiert hast, der immense Stress, dein Geld und dein letztes bisschen Hoffnung. Alles, was ich fühle, ist Leere.“

Russische Online-Händlerinnen weinen nach ukrainischen Angriffen auf Wildberries-Lagerhäuser. © dpa/Threads (Fotomontage)

Michailowa ist eine von Hunderten, vielleicht Tausenden russischen Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmern, deren Existenz eine Serie ukrainischer Drohnenangriffe auf Wildberries getroffen hat – Russlands größten Online-Händler und das Pendant zum US-Konzern Amazon. Über Social Media rollt seither eine Welle von Klagevideos, in denen insbesondere junge Frauen weinend ihre Verluste beklagen. Die Schuld sehen sie fast ausnahmslos bei einer Seite: der Ukraine.

Kiew attackiert Wildberries im Ukraine-Krieg: Verkäuferinnen weinen – „Bin offiziell pleite“

Die Aufnahmen, verbreitet nach den jüngsten Angriffen bei St. Petersburg am Freitag, zeigen Schock, Wut und Verzweiflung. „Zuerst haben die Ukrainer meinen Mann getötet. Dann hat mich die Bank betrogen. Heute ist alles, was mir noch geblieben war, in den Lagern verbrannt. Was bleibt da noch?“, sagt eine Frau unter Tränen.

Eine andere Verkäuferin, sichtlich aufgelöst, erklärt sich für ruiniert. „Das war’s. Ich bin offiziell pleite“, sagt sie weinend. „Meine Ware ist im Lager verbrannt. Danke, Ukrainer.“ Wieder eine andere Geschäftsfrau ringt in St. Petersburg mit den Tränen: „Es gibt kein Geschäft mehr. St. Petersburg. Alles ist zerstört, die Lager sind weg. Warum?“

Eine Mutter wendet sich direkt an ihre Kundschaft und bittet um Hilfe: „Ich bin eine ganz normale Mutter von zwei Kindern. Meine Ware ist bei Wildberries verbrannt“, sagt sie tränenreich. „Bitte helft und kauft den Rest meiner Produkte, bevor die Ukrainer die übrigen Lager niederbrennen.“

Ein Mann bringt die Fassungslosigkeit vieler auf den Punkt: „Die Wildberries-Lager in St. Petersburg brennen. Ich zittere schon von den Nachrichten. Ich dachte, zwei oder drei Lager würden brennen und die Ukrainer würden aufhören, aber nein. Ich habe schon den Überblick verloren.“ Und eine Verkäuferin, die die Reaktionen im Netz gelesen hat, fragt fassungslos: „Ukrainer, habt ihr denn gar kein Mitgefühl?“

Was Wildberries für die russischen Händlerinnen bedeutet

Um die Verzweiflung zu verstehen, muss man wissen, was Wildberries in Russland ist. Der Konzern gilt als das russische Amazon, wickelt nach verschiedenen Schätzungen rund die Hälfte aller Online-Verkäufe des Landes ab und beschäftigt etwa 48.000 Menschen. Gegründet wurde die Plattform 2004 von Tatjana Kim, damals Lehrerin und junge Mutter, zunächst als Kleiderhändlerin. Heute ist Kim laut „Forbes Russia“ 8,1 Milliarden US-Dollar schwer und Russlands vermögendste Frau.

Anders als der Vorbild-Konzern Amazon verkauft Wildberries kaum selbst. Die Plattform funktioniert fast ausschließlich als Marktplatz: Sie verbindet unabhängige Händlerinnen und Händler mit Käufern, lagert deren Waren, liefert sie aus und wickelt die Bezahlung ab. Wie viele Verkäufer es sind, ist unklar – Schätzungen reichen von 500.000 bis 800.000. Besonders beliebt ist die Plattform bei einkommensschwächeren Russen abseits der Metropolen, einer Gruppe, die einen zentralen Teil von Präsident Wladimir Putins politischer Basis bildet. Wildberries’ Netz aus Abholpunkten reicht bis in kleine Dörfer.

„Ukrainer, habt ihr denn gar kein Mitgefühl?“

Die Verkäufer trifft diese Lieferstruktur jetzt mitten ins Mark. Denn wenn eine Halle brennt, verbrennt nicht Wildberries’ Ware, sondern ihre. Die russische Modedesignerin Wiktoria Terechowa verschickte vergangene Woche fast ihre gesamte Sommerkollektion an Kinderkleidung an das Großlager in Elektrostal östlich von Moskau. Binnen weniger Tage war sie zerstört: 12.000 Artikel, rund 45 Prozent ihres gesamten Bestands, dazu weitere 4000 Stücke bei Angriffen im Süden. Oleg Kondratjew, Mitgründer der Marke Airbase, verlor nach eigenen Angaben Ware im Wert von etwa fünf Millionen Rubel (rund 90.000 Dollar). „Wir können unsere Kredite nicht mehr bedienen, weil der Verkauf über Wildberries gestoppt ist. Steuern sind noch nicht fällig, aber bald – und wir werden sie höchstwahrscheinlich auch nicht zahlen können“, sagt er.

Wildberries in Russland: Kaum Entschädigung – und brisantes Kleingedrucktes

Die Wut der Händlerinnen speist sich noch aus einem zweiten Grund. Elf Tage vor den ersten Angriffen änderte Wildberries seine Verkäuferbedingungen und schloss die Haftung für Waren aus, die durch „höhere Gewalt“ zerstört werden – ausdrücklich auch durch Drohnenangriffe. Die kleinen und mittleren Händler bleiben damit auf ihren Verlusten sitzen. Zwar kündigte Wildberries-Chefin Kim Entschädigungen an, doch Betroffene berichten von Almosen: Anton Brjanski, der Kleidung aus China importiert, verlor Ware im Wert von 4,6 Millionen Rubel (rund 44.000 Euro) – und erhielt 19.000 Rubel. „Das ist weniger als ein Prozent des Gesamtschadens“, sagt er.

Der Gesamtschaden ist gewaltig. Nach Berechnungen des Marktforschers Data Insight summieren sich allein die zerstörten Waren auf geschätzte 170 Milliarden Rubel – etwa 2,2 Milliarden Dollar. Die getroffenen Standorte umfassen laut der Wirtschaftszeitung „Kommersant“ rund 552.000 Quadratmeter, etwa ein Zehntel der gesamten Lagerkapazität von Wildberries.

Warum Kiew ausgerechnet den Online-Riesen Wildberries trifft

So schwer die Bilder wiegen: Die ukrainischen Angriffe sind keine willkürlichen Schläge gegen Wehrlose. Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte Wildberries zwar nicht namentlich, erklärte aber, ukrainische Kräfte hätten „bedeutende Logistikeinrichtungen“ getroffen, über die sanktionierte Komponenten für die Drohnenproduktion und Navigationsausrüstung transportiert würden. Tatsächlich waren auf der Plattform noch Stunden nach den Angriffen zahlreiche militärnahe Güter zu kaufen: Splitterschutzwesten, Erste-Hilfe-Sets, Feldrationen, Drohnenbrillen und Drohnenkomponenten – bis zu zwölf Kilometer lange Glasfaserkabel, mit denen sich FPV-Drohnen abhörsicher an die Front steuern lassen. Solche Kabel stehen kaum auf der Einkaufsliste von Zivilisten.

Serhij Kusan, Vorsitzender des Ukrainischen Zentrums für Sicherheit und Zusammenarbeit, nennt Wildberries eine „unverzichtbare Komponente“ der russischen Logistik. „Der Hauptgrund für die Angriffe auf Wildberries-Lager ist, die russische Logistik und die Versorgung mit Gütern mit doppeltem Verwendungszweck, kritischer Elektronik und sanktionierten Waren für die russische Armee und russische Rüstungshersteller zu stören“, sagte er der BBC. Nach humanitärem Völkerrecht kann eine zivile Einrichtung zum legitimen Ziel werden, wenn sie wirksam zu militärischen Handlungen beiträgt und ihre Zerstörung einen klaren militärischen Vorteil bringt.

Doch es geht um mehr als Nachschub. „Das ist ein Angriff, der jeden Russen berührt, weil die Menschen immer stärker vom Online-Handel abhängen“, sagte der russische Ökonom Sergei Gurijew, Dekan der London Business School, dem Exilmedium Meduza. „Der Kreml hat jahrelang versucht, den Russen einzureden, das Leben gehe trotz des Krieges normal weiter. Diese Illusion ist schwer aufrechtzuerhalten, wenn riesige Rauchsäulen über den Städten aufsteigen. Diese Angriffe sind ein doppelter Schlag – gegen die Kriegsmaschinerie und gegen das Bild der Normalität.“

Das Maß der Dinge: Warenlager gegen Wohnhäuser

Und hier liegt der Punkt, den die Klagevideos ausblenden. Der Schmerz der Händlerinnen ist echt, die Existenzangst ebenso. Doch die Selbstinszenierung als unschuldige Opfer „barbarischer“ Ukrainer verschweigt die Verhältnisse. In den getroffenen Hallen brannten Pelzmäntel, Kinderkleider und Kosmetik – schmerzhafte, aber ersetzbare Waren. Die Beschäftigten wurden nach Unternehmensangaben zumeist vor den Einschlägen evakuiert.

Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung. Fotostrecke ansehen

Russlands Krieg gegen die Ukraine sieht anders aus. Seit viereinhalb Jahren beschießt Moskau systematisch Postämter, Einkaufszentren, Kraftwerke, Brücken, Schulen und Krankenhäuser. Ganze Städte und Dörfer sind zerstört. Erst diese Woche schlugen russische Raketen im Umland von Kiew ein und verletzten Dutzende Menschen. Wer nach jahrelangem Raketenterror gegen die Zivilbevölkerung nun weinend fragt, ob die Ukrainer denn „kein Mitgefühl“ hätten, dem sei die Antwort des SRF-Korrespondenten David Nauer entgegengehalten: „Nach viereinhalb Jahren Krieg wollen die Ukrainer, dass die Russen den Krieg auch einmal richtig zu spüren bekommen.“

Ob Kiews Kalkül aufgeht, ist offen. Der Plan ist, Russlands Wirtschaft so stark zu schädigen, dass sich der Kreml den Krieg irgendwann nicht mehr leisten kann. Putin gibt sich unbeeindruckt: Der Zustand der russischen Wirtschaft bleibe „stabil, trotz externer Versuche der Destabilisierung“, sagte er. Für die weinenden Verkäuferinnen von Wildberries dürfte das ein schwacher Trost sein. Und genau das könnte Putin noch sehr gefährlich werden. (Verwendete Quellen: Kyiv Post, The Guardian, CBC, BBC, SRF) (cel)

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